TuK – 2009-05-07 – Epilogus

Wir durften am vergangenen Donnerstag den Ausführungen zum Themenbereich ‘Literatur und neue Medien’ lauschen. Die vier vorgebrachten Vorträge ‘Geschichte und Gegenwart des Lesens’, ‘E-Books’, ‘Präsenz von Literatur – Buchmessen’ und ‘Literatur im Netz – Recht & Freiheit’ verursachten ein paar Restgedanken, die ich hier loswerden möchte:

Der dargestellte Werdegang von Literaturmedien lässt uns feststellen, dass die Information an sich immer flüchtiger wird, je mehr wir uns auf die technologischen Hilfsmittel verlassen. Wird damit aber nicht auch das Wissen flüchtiger?

Durch die Auslagerung von Informationen auf Datenträger verändert sich auch die Gedächtnisleistung der Menschen. Es ist einfach nicht mehr notwendig, sich über ständiges Repetieren, Dinge einzuprägen. Damit hat man einerseits mehr Gehirnkapazität für andere (welche?) Dinge, verliert aber auch wichtige Mnemotechniken, die einem den Alltag meistern lassen.

Die Nutzungsoptionen von Literatur werden vielfältiger und auch die Möglichkeiten zur Literaturproduktion sind zahlreicher geworden. Damit steigt einerseits der Freiheitsgrad und die Kontrolle sinkt, gleichzeitig verliert man aber auch stabile (nachhaltige) Strukturen und verliert sich in den Möglichkeiten, von denen man nicht wissen kann, wie lange diese überdauern werden und welche wertvoll genug ist, dass es sich lohnen würde, sie sich anzueignen.

Die Rezeptionsgewohnheiten ändern sich mit den Literaturmedien. Durch ihre Technologieabhängigkeit ist die Entwicklung von „Textinhaltverstehens“-Fähigkeiten nur eine Fähigkeit, die man beherrschen muss. Ebenso sind Selektionsfähigkeiten und Technikbeherrschungsfähigkeiten vonnöten.

Die Anonymität und mangelnde Verlässlichkeit von Inhalten im Internet stellt oft die Urheberschaft in Frage. Damit steht aber die Urheberschaft an sich auf dem Prüfstein … ist diese überhaupt noch zeitgemäß? Sind nicht inzwischen die meisten Forschungsergebniss von Forscher-Manipel bereits Gemeinschaftswerk einer Autorenschaft und damit nicht mehr einer einzelnen Person zuzuordnen? Ist Kollaboration bei der Textproduktion der Trend für die Zukunft?

Die webbasierten Möglichkeiten des Lesens und Schreibens sind weniger Literaturproduktion als reine Kommunikation. Wann kann man also die Textsammlungen als Literatur bezeichnen? Wo ist die Grenze zwischen verbaler Vomitation und echter Literatur?

Werden nur noch die literarischen Ergüsse überleben, die den Wechsel in die Digitalität wagen? Wird damit eine Art Darwinismus des Geistes stattfinden? Bereits 2001 befasste sich ein Karlsruher Absolvent mit dem Aufeinandertreffen von Literatur und dem Internet (Liesgang, Torsten: Liter@tur. Computer – Literatur – Internet. Hrsg. mit Hansgeorg Schmidt-Bergmann. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2001).

Wenn vom Bücher- oder Zeitungssterben gesprochen wird, vergessen wir dabei nicht, dass das Papier der Buch- und Zeitungsseiten nicht auch nur ein Hilfsmittel zum Transportieren von Sprache sind? Sind gedruckte Buchstaben nicht nur ‘Krücken’ der Sprache? Wenn sich die Benutzerfreundlichkeit technologischer Werkzeuge weiter entwickelt, besteht die Möglichkeit, dass wir bald gänzlich auf die Buchstaben verzichten könnten und nur noch das gesprochene Wort nutzen … sowohl über Spracherkennungssysteme bei der Produktion wie auch über z.B. Hörbücher oder Vorgelesenen Zeitungsartikeln der Gegenwart bei der Rezeption.

Die Rezeptionsgewohnheiten sind z.T. durch die immer wertvoller gewordene Zeit, die immer seltener zur Verfügung steht im Prozess der Veränderung. Weniger das kontemplative Lesen wird gefordert, sondern vielmehr das rasante Querlesen und das Erfassen des Wesentlichen in immer kürzerer Zeit. Damit sinkt auch gleichzeitig der Wert der Literaturmedien, die einer derartige Beschleunigung der Rezeption nicht mitmachen.

Das Überangebot von Texten im Alltag und Beruf führt dazu, dass man sich kaum noch ind er Lage sieht, aktiv und selbstbestimmt die Texte auszusuchen, die man gerne lesen möchte. Die Texte finden einen von sich aus und werden dem Rezipienten aufoktroyiert. Man kann sich kaum noch von der Buchstabenflut entziehen. Damit wandelt sich ein selbstbestimmtes Lesen zusehends in eine fremdbestimmte Lesenötigung.

Die derzeitige Medienpräsenz von Hiobsbotschaften über die Zukunft der Zeitungspresse und der Verlage verschleiert den Blick auf die bisherige Ignoranz dieser Instanzen vor den offensichtlichen Veränderung in Sachen Textproduktion und -rezeption. Wie die Musik-Labels vor ihnen, werden Veränderungen durch die Verlage so lange hinausgezögert, bis der Zug schon aus dem Bahnhof gerollt ist … und man sich gezwungen sieht mit der Draisine hinterher zu hetzen. Dahinter verbirgt sich leider ein ganz profaner Motor: Die Angst vor Veränderung. Diese Innovationsablehnung wird umso stärker, je länger etablierte Strukturen ihre Monopolstellung innehatten.

Ich wage die Prognose, dass die nun auf den Markt kommenden E-Book-Lesegeräte sich wie auch die Musik-Formate einen kurzen Kampf um die größte Kundemasse liefern werden, um dann zu akzeptieren, dass nur die nicht-proprietären Formate einen breiten Massenmarkt erreichen werden.

Die neuen Möglichkeiten, außerhalb von traditionellen Verlagen Literatur zu verkaufen und damit die hohen Unkosten zu sparen, ermöglichen ggf. den Autoren höhere Umsätze, da der Anteil der Tantiemen am Kaufpreis steigen könnte.

Die Entwicklung weg von Papier- hin zu digitalen Büchern wird das gedruckte Buch nicht vollkommen verschwinden lassen. Vielmehr wird eine bestimmte Nische der Literatur und der Rezipienten weiterhin mit ihnen bedient werden. Allerdings wird das gedruckte Buch einen großen Teil seiner ‘Kunden’ an den digitalen Markt verlieren. Denn das viel zitierte haptische Erlebnis ist nicht für jede Art von Literatur förderlich, notwendig oder erschwinglich.

Die Veränderung von ganzen Berufsgruppen und die vermeintliche Synthese aller Produktionsschritte in einer einzigen Person, die dann Autor, Setzer, Verleger und Drucker in Personalunion sein darf, rüttelt die Beteiligten stark durch. Es ist aber ein Trugschluss, dass jeder Autor dazu in der Lage sein wird, diesen Ansprüchen auf Dauer zu genügen, so dass auch hier ein Abwanderung der Kapazitäten erkennbar werden wird, aber keine vollständige Auslöschung traditioneller Arbeitsprozesse.

Interessant wir bei den Vorträgen die immer wieder angeführte ‘Verpöhntheit von Zitaten aus der Wikipedia’. Ein tendentiell guter Ansatz, der vor einem allzu sorglosem Umgang mit den dort befindlichen Informationen warnen sollte. Dennoch hält die Wikipedia auch eine Chance bereit, die Informationsqualität der Lemmata-Artikel zu verbessern. Dies impliziert allerdings eine aktive Teilnahme an der Textproduktion, statt einer wesentlich einfacheren Ablehnung aller dortigen Informationen. Deshalb möchte ich eine Lanze für die Wikipedia brechen und alle auffordern, kritische in der Wikipedia zu lesen und bei Bedarf Verbesserungen selbst einzubringen. Vor allem die Kompetenz geisteswissenschaftlicher Studierender ist bei der Beschaffung von vertrauenswürdigen Quellen gefragt.

Die umfassenden Digitalisierungsbestrebungen von Unternehmen wie google ermöglichen zwar einen leichteren Zugang zu Literatur, ermöglichen aber auch die Entstehung eines neuen ‘Gatekeepers’, der allein mit der Entscheidung, ein Werk zu digitalisieren oder dies nicht zu tun, dazu beitragen kann, dass ein Werk gefunden, gelesen und zitiert werden kann. Sollte nämlich die Tendenz, alles in erster Linie erstmal über google zu suchen, weiter beibehalten werden, kann es dazu führen, dass man sich nicht mehr die Mühe macht, dort nicht aufgeführte Werke in Bibliothekskatalogen zu suchen, sondern einfach hinzunehmen, dass nichts anderes zu diesem Thema existiert.

Die derzeitig noch praktizierte Haltung von google, erst nach einem Protest des Urhebers auf die Rechte desjenigen zu reagieren und ihm daraufhin eine Entschädigung anzubieten, ist kein tragbares Benehmen. Es ist ähnlich unanständig, wie das nachträgliche Bezahlenlassen eines Ladendiebs, der bei frischer Tat ertappt wurde, ohne weitere (strafrechtliche) Konsequenzen folgen zu lassen.

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